Schaut man ins Internet, findet man unzählige Bücher über Waldbaden. In der Presse erscheinen Artikel, manche, die das Waldbaden belächeln, andere nehmen auch die wissenschaftlichen Aspekte unter die Lupe. Andere wiederum schreiben in ihren Blogs darüber und stehen den zahlreichen „Waldbademeistern“, die gerade wie Pilze aus der Erde schießen, sehr kritisch gegenüber.

Auch ich bin nun schon mehrfach interviewt worden, was Waldbaden nun eigentlich sei. Und immer wieder steht auch die Frage im Raum, warum man nicht einfach alleine in den Wald gehen kann, warum es einer Begleitung bedarf. Diese Fragen möchte ich gerne hier beantworten, damit Du eine Idee bekommst, welche Haltung ich zum Waldbaden habe und wie Waldbaden bei mir abläuft.

 

Was ist Waldbaden?

Der Ansatz des Waldbadens stammt aus Japan und wird dort Shinrin Yoku genannt. Frei übersetzt ins Deutsche bedeutet das so viel wie Eintauchen in die Waldatmosphäre. Der Begriff Waldbaden hat sich etabliert und ist in der Tat eine Erscheinung der letzten Jahre.

Die meisten Menschen, die sich mit Waldbaden auseinandersetzen verstehen unter diesem Begriff, das bewusste Verweilen  im Wald, um sich zu erholen und die Gesundheit zu stärken.

Auch unsere Vorfahren wussten bereits, dass die Natur und speziell der Wald ihnen gut tut. Für sie war es ganz normal, die Natur als Kraft- und Orientierungsquelle zu nutzen. Leider haben viele von uns die Verbindung zur Natur verloren und wissen gar nicht mehr, was die Natur uns alles zur Verfügung stellt.

Wir orientieren uns im Außen, sind ständig online und erreichbar, doch die Verbindung zu uns selbst ist bei vielen verloren gegangen. Wir treffen überwiegend Entscheidungen aus dem Verstand heraus und missachten dabei unsere Bedürfnisse. Wir sind ständig im Tun, anstatt einfach mal zu Sein. Und oftmals führt dies dann zu einer Überforderung.

 

Waldbaden – wie ich es verstehe

Fast alle Menschen haben einen unbewussten Zugang zum Wald. Sie spüren eine gewisse Sehnsucht und fühlen sich von seiner Ursprünglichkeit angezogen. Unbewusst spüren wir Menschen die positive Wirkung des Waldes. Sie erfahren Ruhe und Entspannung an diesem Ort, der uns Menschen bereits seit ewigen Zeiten als Kraftquelle dient.

Für mich findet Waldbaden auf unterschiedlichen Ebenen statt. Auf der ersten Ebene verstehe ich das bewusste SEIN in der Natur/im Wald. Durch gezielte Übungen bekommen wir den Kopf frei und kommen mehr und mehr zur Ruhe. Im ersten Schritt geht es darum, die Menschen mit all ihren täglichen Sorgen, Belastungen und Ängsten zu leeren. Nur wenn Dein Gefäß leer ist, bist Du auch in der Lage, die positiven Informationen der Natur aufzunehmen.

Im nächsten Schritt schärfen wir unsere Wahrnehmung und beginnen, uns wieder zu spüren. Ich lade die Menschen dazu ein, wahrzunehmen, wie es einem wirklich geht. Wie geht es mir wirklich in diesem Moment? Wie geht es meinem Körper und was fühle ich? Hier beginnt der Übergang auf eine tiefere Ebene.

Auf einer tieferen Ebene lassen wir uns von der Natur berühren. Nachdem wir erleben, dass uns die Natur nicht ver- bzw. beurteilt, können wir unsere Rollen, die wir in unserem Alltag spielen, fallen lassen. In der Natur dürfen wir sein, wer wir wirklich sind, mit all unseren „guten und schlechten“ Seiten. Wir müssen nicht mehr in der Rolle der Mutter, des Ehepartners oder der Arbeitskollegin sein. Wir dürfen einfach SEIN. Die Natur stellt uns einen geschützten Raum zur Verfügung, in dem wir uns entdecken und erforschen können. Das erfahren viele Menschen als sehr nährend und heilsam.

Wir erleben immer mehr eine Verbundenheit zu den Naturwesen und erfahren, dass die Natur Antworten auf unsere zahlreichen Fragen für uns bereit hält. Und dann wird ein Bach zum Lebensweg und in umgekippeten Baumstämmen erkennen wir unsere Hindernisse. Und plötzlich macht für uns alles Sinn. Gefühle und Erinnerungen kommen hoch und unterstützen uns dabei, uns selbst zu heilen. Auf der tieferen Ebene hält die Natur Antworten und Informationen für uns bereit und das erleben viele Menschen als eine Art Medizin, die sie heilt.

Wir geben unserer inneren Stimme wieder Raum, indem wir wirklich zuhören. Die Worte unserer inneren Stimme kommen nicht vom Verstand, sondern vom Herzen. Das ist die Stimme der Seele. Und sie unterstützt uns stets dabei, unseren Weg zu gehen. Auch das Stärken und Vertrauen auf unsere innere Stimme, auf unsere Intuition wirkt sehr nährend. Wir ermächtigen uns selbst, Entscheidungen zu treffen, anstatt uns vom Außen beeinflussen zu lassen. Nur Du allein kannst wissen, was Dir gut tut und welcher Weg für Dich der richtige ist. Dadurch gewinnen wir Selbstvertrauen, werden gelassener und mit der Zeit werden wir uns innerlich immer stärker fühlen.

 

Waldbaden – alleine oder begleitet

Eine kleine Auszeit kann sich natürlich jeder für sich nehmen. Dazu benötigen wir nicht unbedingt eine Begleitung.

Bei manchen Menschen wirkt auch immer noch das nach, was ihnen in der Kindheit stets eingetrichtert wurde. „Der Wald ist gefährlich. Da gibt es den bösen Wolf und Hexen.“ Doch wenn man Angst hat, alleine in den Wald zu gehen, dann ist es durchaus sinnvoll, sich begleiten zu lassen. Die Menschen machen dann neue Erfahrungen und dadurch können sie ihre Angst auch überwinden.

Vielleicht brauchen wir zu Beginn eine Begleitung, jemanden, der uns zeigt, wie Naturverbindung aufnehmen wirklich geht. Das können wir wieder lernen.

Das „Sprechen“ mit den Naturwesen mag uns vielleicht zunächst komisch erscheinen. Wir dürfen wieder unsere angeborene Fähigkeit erwecken, die Natur zu spüren, mit ihr zu reden und von ihr zu lernen. Mit einem offenem Herzen finden wir alles, was wir brauchen, denn es ist bereits da. Um diese Sprache wieder zu erlernen, kann es hilfreich sein, sich begleiten zu lassen.

 

Eine Waldbaden-Übung – Dich treiben lassen

In der Natur angekommen, nimmst Du ein paar tiefe Atemzüge, damit Deine Lunge frei wird. Deine „To-Do-Liste“ kannst Du an einer, von Dir erdachten oder tatsächlichen Schwelle abgeben. Mach Dir bewusst, dass Du hier bist, um Dich zu spüren. Tritt ganz bewusst über diese Schwelle und tauche ein in die heilende Welt des Waldes. Jetzt gibt es nichts zu tun. Lass Dich einfach treiben. Welche Pflanzen, Bäume, Orte ziehen Dich an? Wo zieht es Dich hin? Verweile dort für einen Moment und nimm das Naturwesen oder den Naturgegenstand mit all Deinen Sinnen wahr.

Wenn Du das Gefühl hast, es ist genug, dann ziehe weiter. Vielleicht zieht es Dich an einen Bach und möchtest den Geräuschen lauschen? Oder ein bemooster großer Stein erregt Deine Aufmerksamkeit und Du möchtest ihn mit Deinen Händen berühren?

Vielleicht möchtest Du auch an einem Platz einfach mal eine Weile verweilen und beobachten. Wer lebt an diesem Platz? Welche Pflanzen siehst Du? Welche Tiere leben hier?

Nachdem Du eine ganze Weile im Wald verweilt hast, fühlst Du Dich wahrscheinlich entspannter und gelassener. Bleibe so lange, bis Du das Gefühl, genug Kraft und Energie getankt zu haben. Dann verabschiede Dich.

Vielleicht magst Du Dich auf Deine Weise bei den Naturwesen bedanken.

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