Bewusstes Gehen und achtsame Übungen in der Natur unterstützen uns dabei, die Natur mit allen Sinnen zu erleben. Die Natur übt auch eine gewisse Faszination auf uns aus. Beschäftigen wir uns eine Weile mit einem Naturobjekt, das uns magisch in den Bann zieht, können wir so sogar unsere Konzentrationsfähigkeit schulen. Vergangenen Montag war ich wieder unterwegs im Wald. Mit dabei war auch die Redakteurin Sarah Trinler vom Sonntags Verlag in Bad Säckingen:

Natürliche Energie tanken

Den Wald bewusst und mit allen Sinnen erleben – WALDBADEN in Menzenschwand

Tief in den Wald eintauchen, den Alltagsstress komplett vergessen und die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen. Klingt ein- fach – ist es aber nicht.
Christine Grabrucker aus Menzenschwand bei St. Blasien bietet seit kurzem Waldbaden-Workshops an. Ein Kurzurlaub für die Seele.

von Sarah Trinler

Das Rauschen des Bachs, der sich durch das Waldstück bei Menzenschwand – ein Kurort im Hochschwarzwald am Fuße des Feldbergs – schlängelt, tönt laut in den Ohren und vermischt sich mit dem Knacken der am Boden liegenden Äste. „Der Wald ist eine endlos schöpfende Quelle an Energie – immer verfügbar und zudem kostenlos“, sagt Naturcoach und Wildnispädagogin Christine Grabrucker. Die Workshop-Teilnehmer merken schnell, dass sie zwar im Alltag gerne an der frischen Luft sind, das Joggen aber meist von Musik im Ohr und der Nordic Walking-Lauf von einem Plausch mit der Freundin begleitet wird. In Zeiten von ständiger Verfügbarkeit und etlichen To-Do-Listen ist Schweigen und ganz bei sich sein eine Seltenheit geworden.

Kaum hat Christine Grabrucker den Wald betreten, fährt sie herunter. Ihre Sätze werden langsamer, ihre Schritte gemütlicher und ihr Gesichtsausdruck zeigt pure Zufriedenheit. Ganz so schnell können sich die Teilnehmer nicht auf das Naturerlebnis einlassen. Sich nicht von den vielen Gedanken im Kopf, von der Mücke am Oberarm oder gar von den neon-grünen Sportschuhen der Vorläuferin ablenken zu lassen, fällt schwer. Waldbaden ist mit einem gewöhnlichen Spaziergang nicht zu vergleichen, vielmehr soll der Wald bewusst und mit allen Sinnen erlebt werden. Regeln gibt es nicht, allerdings Tipps, die es leichter machen, sich auf den Wald einzulassen. Zuerst soll die Konzentration komplett auf den Hörsinn fokussiert werden. Zum Bachrauschen gesellen sich Vogelgezwitscher, Blätterrauschen und vieles mehr. Aber da ist sie plötzlich wieder: die Einkaufsliste, die unbewusst im Kopf weiter geschrieben wird. „Dann gehe noch langsamer“, schlägt Grabrucker vor, um die Ablenkung los zu werden. Als nächstes ist der Sehsinn an der Reihe. Die kleine Spinne, die gerade fleißig ihr Netz weiter spannt, oder der zitronengelbe Schmetterling, der auf einem Blatt ruht, wird entdeckt, während das zuvor laute Rauschen schwächer wird.

„Eigentlich ist Waldbaden ja nichts Neues“, sagt Grabrucker, nachdem sie mit geschlossenen Augen und im festen Stand mehrere tiefe Atemzüge genommen hat. Durch das Einatmen der ätherischen Öle, die die Bäume in die Luft abgeben, wird das Immunsystem gestärkt, erklärt sie. Was in Japan unter dem Namen „Shinrin-yoku“ bereits seit An-fang der 80er Jahre vom Staat gefördert und als fester Bestandteil der Gesundheitsvorsorge gilt, mausert sich Waldbaden derzeit auch in Deutschland zu einem wahren Trend. Hierzulande habe man mittlerweile erkannt, dass im Wald Nerven aktiviert werden, die für Stoffwechsel, Erholung und den Aufbau körpereigener Reserven verantwortlich sind. Stresshormone werden zurückgefahren und der Blutdruck sinkt, erklärt Grabrucker. Die Bayerin, die seit vergangenem Jahr in Menzenschwand lebt, war über 20 Jahre lang als Reiseleiterin tätig – stets rastlos und unter Strom. Vor einigen Jahren hat sie dem Dauerstress dann eine Absage erteilt und sich ein neues Standbein als Naturcoach aufgebaut. „Heute biete ich immer noch Reisen an, aber eben Reisen nach Innen“, schmunzelt sie. Bevor der zweistündige Work-shop endet, sollen noch bewusst die Sinne Tasten und Riechen angeregt werden. Die Teilnehmer reiben mit den Händen über die raue Baumrinde, riechen an den duftenden Tannennadeln oder ziehen die Schuhe aus, um Barfuß den Waldboden zu erspüren. Einige verändern die Perspektive und lassen vom Boden aus die Ruhe, das Licht, die Farben und die Gerüche des Waldes auf sich wirken. Die Entschleunigung ist gelungen, das Zeitgefühl verloren und die To-Do-Liste so weit in Hintergrund gerückt, dass man gar nicht mehr weiß, für was sie eigentlich gut war.

Artikel über das Waldbaden als pdf, erschienen im Sonntagsverlag, 10.06.2018

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